{"id":186,"date":"2023-05-16T12:37:55","date_gmt":"2023-05-16T10:37:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/?page_id=186"},"modified":"2023-06-27T14:24:59","modified_gmt":"2023-06-27T12:24:59","slug":"zusammenfassung-zum-vortrag-von-prof-dr-thomas-geisen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/zusammenfassung-zum-vortrag-von-prof-dr-thomas-geisen\/","title":{"rendered":"Zusammenfassung zum Vortrag von Prof. Dr. Thomas Geisen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zugeh\u00f6rigkeit im Kontext von Migration<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-medium-font-size has-dark-gray-color wp-block-paragraph\">In einer \u201eGesellschaft der Individuen\u201c (Elias 1987) haben Fragen von Zugeh\u00f6rigkeit eine besondere Bedeutung. Denn \u201edie Zugeh\u00f6rigkeit eines Menschen zu einer bestimmten sozialen \u00dcberlebenseinheit\u201c (Elias 1987, S. 245) stellt ein \u201espezifisches Gepr\u00e4ge\u201c dar, ein \u201esozialer Habitus der Individuen\u201c, den er \u201emit anderen Angeh\u00f6rigen seiner Gesellschaft teilt\u201c (Elias 1987, S. 244). Auf der Grundlage dieses Habitus wachsen \u201ediejenigen pers\u00f6nlichen Merkmale\u201c heraus, \u201edurch die sich ein einzelner Mensch von anderen Mitgliedern seiner Gesellschaft unterscheidet\u201c (Elias 1987, S. 244).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-medium-font-size has-dark-gray-color wp-block-paragraph\">F\u00fcr Elias ist \u201ebei Angeh\u00f6rigen einer Gesellschaft auf der Entwicklungsstufe eines neuzeitlichen Staates der Ausdruck \u201aNationalcharakter\u2018\u201c als \u201eIch-Wir-Identit\u00e4t [\u2026] integrale[r] Bestandteil des sozialen Habitus eines Menschen und ist als solcher der Individualisierung zug\u00e4nglich\u201c (Elias 1987, S. 245). In Migrationsgesellschaften werden Fragen gesellschaftlicher Zugeh\u00f6rigkeit und damit auch Ich-Wir-Identit\u00e4ten pluralisiert und es entstehen neue, vielf\u00e4ltige Formen ambivalenter Zugeh\u00f6rigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-color has-medium-font-size has-dark-gray-color wp-block-paragraph\"> In der Migrationsforschung findet diese Vielfalt ihren Niederschlag in einer \u201eneuen Un\u00fcbersichtlichkeit\u201c (Habermas 1985) an Begriffen und Konzepten, die im Rahmen von empirischer Forschung von und der Auseinandersetzung mit Migrationsgesellschaften verwendet werden. Hierzu geh\u00f6ren etwa Forschungsarbeiten zur ersten Generation von Einwandernden (Treibel 2003), zum \u201eMigrationshintergrund\u201c und zur \u201eZweiten Generation\u201c (Boos-N\u00fcnning\/Karakasoglu 2006; Fibbi\/Efionayi 2008; Riegel\/Yildiz 2011), zu \u201eMigrationsgeschichte\u201c und \u201ebiografischer Migrationserfahrung\u201c (Hamburger 2009), zu \u201eTransmigration\u201c als neuem Sozialraum (Pries 2010), und \u201eTranskulturalit\u00e4t\u201c, die auch als \u201eHybridit\u00e4t\u201c, \u201edritter Raum\u201c oder als \u201etransversal\u201c bezeichnet wird (Allolio-N\u00e4cke\/Kalscheuer 2008; Hall 2018; Hoerder\/H\u00e9bert\/Schmitt 2005). <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"http:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/03\/graphic_recording_zu_Prof.in_Dr.in_Erika_Schulze.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"950\" height=\"250\" src=\"http:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/03\/banner_gr_thomasgeisen.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-170\" srcset=\"https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/03\/banner_gr_thomasgeisen.jpg 950w, https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/03\/banner_gr_thomasgeisen-300x79.jpg 300w, https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/03\/banner_gr_thomasgeisen-624x164.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 950px) 100vw, 950px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Im Zusammenhang mit diesen Debatten entstehen einerseits Bedarfe der Neu-Ordnung des grundlegenden Verst\u00e4ndnisses von Migration selbst, um die Pluralit\u00e4t des Migrationsgeschehens in modernen Gesellschaften, die sich den klassischen, zeitlichen und r\u00e4umlichen Ordnungsparadigmen der Migrationsforschung (Han 2010; Treibel 2003) offenbar vor dem Hintergrund von weltweit wachsenden, globalen Zusammenh\u00e4ngen und Verflechtungen einer eindeutigen Festlegung entziehen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-228\" width=\"200\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-3.jpg 600w, https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-3-150x150.jpg 150w, https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-3-300x300.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"> Dabei wird Migration beispielsweise neu und grundlegend als ein Prozess verstanden, der das Ziel einer Verlagerung des Lebensmittelpunktes in eine andere politische Gemeinde verfolgt (Moch 1997, S. 43); es wird die Forderung erhoben, den Migrationsbegriff durch den Begriff der \u201eMobilit\u00e4t\u201c zu ersetzen (Berding\/Bukow 2020); oder auch vor allem das Konzept der \u201eMultilokalit\u00e4t\u201c (Reuschke 2010) zu verwenden. Insbesondere im deutschsprachigen Raum hat der Diskurs um \u201ePostmigration\u201c (Hill\/Yildiz 2018), wie er seit den 1990er Jahren entstanden ist, an Bedeutung gewonnen. Im Zentrum dieser Debatte steht die Kritik am Migrationsbegriff, der eine Sonderstellung von eingewanderten Personen verstetige, zum Teil \u00fcber Generationen hinweg, und damit bestehende Ausgrenzungen verst\u00e4rke und die in den allt\u00e4glichen Zusammenh\u00e4ngen l\u00e4ngst bestehenden Zugeh\u00f6rigkeitsformen negiere. Die Auseinandersetzungen und Debatten zeigen, dass traditionelle Vorstellungen von Gesellschaften als Nationalstaaten (Greenfeld 1993; Winkler 1985) vermehrt in Bewegung geraten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Denn konzeptionell gelingt es im Rahmen nationaler Vorstellungen von Vergesellschaftung kaum ausreichend gut, heutige Migrationsformen innerhalb von Gesellschaften und gesellschafts\u00fcbergreifend zu verstehen (Geisen 2015). W\u00e4hrend im Nationalstaat die Aufnahme von Neuankommenden im Rahmen von Migration im Gegensatz zur Vorstellung von Nation als Einheit von Volk und Territorium steht, so er\u00f6ffnet erst eine republikanische Vorstellung von Staat und Gesellschaft Aufnahmem\u00f6glichkeiten f\u00fcr Neuankommende. Denn f\u00fcr ein republikanisches Verst\u00e4ndnis von Demokratie ist die Ver\u00e4nderung von Gesellschaft konstitutive Grundlage, w\u00e4hrend im Verst\u00e4ndnis von Nationen gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen als Ausnahme angesehen werden, und zwar insbesondere auch durch Migration entstehende Ver\u00e4nderungen. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-227\" width=\"200\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-2.jpg 600w, https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-2-150x150.jpg 150w, https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-2-300x300.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">In der Realit\u00e4t finden wir heute vielfach Mischformen von Staaten vor, die sowohl nationalstaatliche als auch republikanische Elemente in sich vereinen. Gleichwohl ist die national-kulturelle Vorstellungswelt von Nationalstaaten, Elias spricht hier vom \u201eNationalcharakter\u201c (Elias 1987, S. 244), immer noch kaum ausreichend auf die aktuellen Bedingungen von Migrationsgesellschaften ausgerichtet, in denen Migration als individuelle und gesellschaftliche Normalit\u00e4t wahrgenommen wird. Die Frage der Zugeh\u00f6rigkeit wird unter solchen gesellschaftlichen Bedingungen auf unterschiedliche Weise diskutiert. Im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Vorstellungswelten in den klassischen Einwanderungs\u00e4ndern wird der Diskurs um \u201eBelonging\u201c (Castles\/Davidson 2000) als individueller und sozialer \u201eAushandlungsprozess\u201c (Hoerder 2002) beschrieben, w\u00e4hrend in Staaten mit st\u00e4rkerer nationalstaatlicher Pr\u00e4gung der soziale Zusammenhalt oder die \u201esocial coherence\u201c (Vertovec 1999) im Zusammenhang mit Migration st\u00e4rker in den Vordergrund treten. Unabh\u00e4ngig von der jeweiligen gesellschaftlichen Grundpr\u00e4gung, wird in heterogenen Gesellschaften mit andauernder und vielf\u00e4ltiger Migrationsgeschichte der Bedarf an neuen Formen von \u201eIch-Wir-Identit\u00e4ten\u201c (Elias 1987, S. 245) sichtbar, die seit den 1960er Jahren vor allem in den Diskursen um Identit\u00e4t und Identit\u00e4tspolitiken gef\u00fchrt werden (Geisen 2004; Geisen 2008). In der Migrationsforschung r\u00fccken daher vor allem Konzepte von Zugeh\u00f6rigkeit in den Fokus, die soziale Positionierung im Spannungsfeld von Selbst- und Fremdzuschreibungen wahrnehmen (Geisen 2007), die Herstellung von Zugeh\u00f6rigkeit als Resultat eines Aushandlungsprozesses ansehen (Yuval-Davis 2011), und Zugeh\u00f6rigkeit emotional mit subjektivem Wohlbefinden und Freude verbinden (Korteweg\/Yurdakul 2016). In diesem Zusammenhang wird die Entstehung von Zugeh\u00f6rigkeit in der Migrationsforschung insbesondere als eine aktive, gestaltende T\u00e4tigkeit von Migrantinnen und Migranten beschrieben, unter anderem als \u201eZugeh\u00f6rigkeitsarbeit\u201c (Mecheril 2003), als \u201eKampf um Zugeh\u00f6rigkeit\u201c (Riegel 2004) und als \u201eMaking Home\u201c (Boccagni 2017; Leung 2004). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Vor dem Hintergrund der bisherigen Ausf\u00fchrungen wird deutlich, dass es in modernen Migrationsgesellschaften zur Pluralisierung von Zugeh\u00f6rigkeitsformen kommt. Diese sind ein zentrales Kennzeichen moderner Gesellschaften, werden aber vielfach in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen noch unzureichend als solche wahrgenommen. Eng verkn\u00fcpft mit der Pluralisierung ist die Tatsache, dass Zugeh\u00f6rigkeit zu einer individuellen und sozialen Gestaltungsaufgabe geworden ist. Damit kann sie sozial-kulturell nicht mehr als selbstverst\u00e4ndlich betrachtet werden, sondern sie muss individuell und sozial aktiv hergestellt werden und stellt eine von vielen als neu wahrgenommene gesellschaftliche Herausforderung dar. Die Ambivalenz von Zugeh\u00f6rigkeit als existentieller Form menschlicher Existenz, in der die je spezifische Ich-Wir-Konfiguration individuell und gesellschaftlich hergestellt wird, zeigt sich vor allem im Kontext von Migration. Denn durch die Neuankommenden entstehen neue individuelle und gesellschaftliche Bedarfe Zugeh\u00f6rigkeiten neu auszuhandeln, und zwar sowohl f\u00fcr Migrantinnen und Migranten als \u201eAu\u00dfenseiter\u201c als auch f\u00fcr diejenigen, die als \u201eEtablierte\u201c (Elias\/Scotson 1993) bereits l\u00e4nger in der jeweiligen Gesellschaft leben.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-226\" width=\"200\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-1.jpg 600w, https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-1-150x150.jpg 150w, https:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/files\/2023\/04\/gr_caption_geisen-1-300x300.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"> Bestehende Ich-Wir-Konfigurationen der Zugeh\u00f6rigkeit werden dadurch einem Ver\u00e4nderungsdruck unterworfen, auf den Individuen und Gesellschaften vielfach sehr unterschiedlich reagieren k\u00f6nnen, zum Teil werden daraus resultierende Ver\u00e4nderungen als Bedrohung erfahren, auf die mit Abwehr, Angst und Gewalt, um bestehende Identifikationen weiter aufrechterhalten zu k\u00f6nnen (Mergner 1998, S. 135ff.). Auch professionelles Handeln ist durch diese Entwicklung auf besondere Weise herausgefordert. Denn zur Bearbeitung von kontinuierlich sich ver\u00e4ndernden Herausforderungen im Kontext von Migration sind stets neue, ver\u00e4nderte F\u00e4higkeiten und Kompetenzen in der professionellen Interaktionsarbeit erforderlich. Professionalit\u00e4tsentwicklung ist daher zwingend auf die iterative Gestaltung von professionellen Lern- und Bildungsprozesses angewiesen, um einen aktiven Beitrag zur Ausbildung von \u201emulticultural conviviality\u201c (Back\/Sinha 2018; Gilroy 2005) leisten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-button is-style-squared\"><a class=\"wp-block-button__link has-text-color has-white-color has-background has-blue-background-color\" href=\"http:\/\/blogs.sonia.de\/integration\/dokumentation-zur-online-fachtagung\/\">ZUR\u00dcCK ZUR \u00dcBERSICHT<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zugeh\u00f6rigkeit im Kontext von Migration In einer \u201eGesellschaft der Individuen\u201c (Elias 1987) haben Fragen von Zugeh\u00f6rigkeit eine besondere Bedeutung. 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